Pressemeldungen
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Fachbeitrag zum Thema "Essstörung" in der Fachzeitschrift "therapie kreativ" (Ausgabe 50, 2008):
Gedanken zum Thema "Hunger"
Hunger ist in jedem Munde, in jedem Kopf, in jedem Bauch und doch ist dieses Gefühl so unterschiedlich und kaum fassbar. Mehr Menschen als je zuvor kämpfen mit ihrem Körpergewicht und ihren "ldealmaßen".
Essstörungen haben gravierend zugenommen. Essen hat für die meisten Menschen eine Bedeutung, die weit über die reine Ernährung hinausgeht. Essen kann zum Ersatz für Liebe werden, Nahrung kann trösten und Warme und Sicherheit spenden. Das ist leicht verständlich, wenn wir uns bewusst machen, dass die frühste Erfahrung von „Geliebt-Werden“ idealer Weise darin besteht, als Säugling im Arm der Mutter genährt, angesehen und berührt zu werden. Das Baby riecht den Duft der Mutter, schmeckt den süßen Geschmack der Milch, und indem all seine Sinne angesprochen werden, fühlt es sich geliebt und angenommen in seinem „So-Sein“.
Dies ist eine folgenreiche Verknüpfung von Liebe und Akzeptanz mit Nahrung, „Genährt-Werden“ und sich Ernähren. Fehlt zu irgendeinem Zeitpunkt unserer Entwicklung auf emotionaler Ebene die Nahrung, so liegt es nahe, den Ausgleich auf körperlicher Ebene schaffen zu wollen.
Um das frühe Erlebnis des emotionalen „Genährt-Seins“ zu wiederholen, geben wir uns möglicherweise selbst zu essen, ohne zu merken, dass wir in Wirklichkeit vielmehr Hunger nach Sinn, Liebe oder Anerkennung haben. So kann Nahrung dazu genutzt werden, zu trösten, Bestätigung zu geben, Leid zu mildern...
Es ist oft nicht der physische Hunger, der uns treibt, uns etwas einzuverleiben, sondern ein emotionaler Hunger nach Lebendigkeit. Wenn Menschen unter Einsamkeit und einem Gefühl von Leere leiden, kann der physische Hunger zum ständigen Begleiter werden. Sich wenigstens im Magen eine Empfindung von Fülle zu schaffen, lasst den Eindruck von Handlungsfähigkeit entstehen. Die Leere im Leben erscheint für einen Moment gefüllt.
Wenn etwas fehlt, erscheint Essen oft als die schnellste Lösung, um auf Missempfindungen aller Art zu reagieren: "lch gönne mir erst mal was!" Oder: "Mir fehlt etwas, also nehme ich etwas zu mir." Es ist eine Art, sich selbst zu streicheln, sich selbst zu belohnen. Es braucht dazu keine anderen, keine Fantasie, keine Konzentration und keine Achtsamkeit. Essen kann genauso zur Sucht werden wie Rauchen, Alkoholkonsum, Fernsehen, Computer, Arbeit etc.
Irgendetwas in mir giert nach mehr, nach anderem, nach Veränderung meines momentanen Zustands. Das, was ist, scheint nicht genug. Doch haben wir nicht gelernt, dem "Nicht genug" nachzuspüren, bis es mehr von sich erzahlt und wir herausfinden, um welche Leere es sich eigentlich handelt. Hungergefühle mit Essen zu bekämpfen, ist vertraut und gewohnt. Anstatt sich also nach innen zu richten, probiert man ein äußeres "Trostpflaster" nach dem anderen aus. Doch keines hilft nachhaltig, denn die eigentliche Leerstelle, die Ursache des Unbehagens, wird nicht berührt.
lm Gegenteil, je mehr der emotionale Hunger sich an die Oberflache drangt, desto mehr "Genussgifte" werden eingenommen, um so mehr wird außen "geackert", um bloß nicht das "seelische Rumoren" zu spüren.
Dabei sehnt sich die Seele nach sich selbst, nach Zuwendung und Selbstverwirklichung, nach einem Spiegel, der uns zeigt, wie wir in der Welt stehen und gehen, ohne abwertendes Urteil. Wir sehnen uns nach einem klaren und deutlichen Gegenüber. Wir sehnen uns nach Nahrung, die uns sättigt und ausfüllt, die unser Eigen ist, die vielfältig und gesund das bunte Leben in sich trägt. [...]
Praxisbeispiel mit gestaltungstherapeutischen Elementen
Ende letzten Jahres suchte Michael meine Unterstutzung als Fitnesstrainerin und Ernahrungsberaterin. Er war damals 45 Jahre alt, lebte in Scheidung und hatte keine Kinder. Seit drei Jahren nahm er kontinuierlich zu und hatte nun, nach eigenen Angaben, "Höchstgewicht", das heißt ca. zwanzig Kilo zu viel.
Auf meine Frage, was er mit meiner Hilfe erreichen mochte, antwortete er, zwanzig Kilo abnehmen, egal wie, nur schnell müsse es gehen. Und er wolle wieder in sein Kajak passen, welches seit vier Jahren im Keller steht.
Ich bemerkte jedoch eine seltsame, angespannte Atmosphäre zwischen uns, die mir allerdings bei männlichen Kunden öfter begegnete. Ich nahm sie also erst einmal nicht so wichtig. Wir begannen das Training mit den üblichen Tests und Checkups. Schnell hatte ich den Eindruck, dass ich die Hauptperson war, nicht er. Ich fühlte mich belauert und damit immer unwohler.
Dennoch veränderten sich die Trainingseinheiten. Michael wurde ehrgeiziger, schien für sich ein Gespür, sogar Interesse für seinen eigenen Körper zu bekommen. Doch die Spannung zwischen uns wuchs. Ich fasste mir ein Herz und sprach ihn darauf an. Viel brauchte ich nicht zu sagen, die Worte sprudelten förmlich aus ihm heraus. Erst jetzt erzahlte er mir von seiner ursprünglichen Motivation: Er schreibe gerade an einem Buch, in dem es um die Beziehung zwischen einem elitären Typen und einer Fitnesstrainerin gehe. Da er aber nicht wisse, wie Fitnesstraining ablaufe, wollte er es selbst ausprobieren. Darüber hinaus sei seine Motivation auf Veränderung nicht allzu groß gewesen. Allerdings habe er deshalb von Anfang an ein schlechtes Gewissen mir gegenüber. Meine vielen Fragen hatten ihn total durcheinander gebracht. Es sei nun anders: Er wolle jetzt - wenn er noch durfte - richtig trainieren - nur für sich selbst. Er bekundete seine Bereitschaft, sein Leben zu durchleuchten. Ihm war etwas Unbekanntes begegnet: Er verspürte zum ersten Mal einen Hunger, den er nicht mit Pommes, Zigaretten und Alkohol stillen kannte.
Auf meine Frage, was das denn für ein Hunger sei, wurde er sehr still. Nachdenklich antwortete er schließlich: Hunger nach seinem Leben von früher (vor der Ehe), wo er mit seinem Kajak jeden Fluss im Norden "unsicher machte". Er wolle wieder die Liebe spüren und auch wieder Liebe schenken. Die Beziehung zu seiner Frau wäre schon so lange erloschen. Er wolle endlich einen Garten um sein Haus anlegen und vor allem Fliederbüsche anpflanzen - am liebsten nur den lilafarbenen - der Duft würde ihn immer so betören.
Und so begannen wir gemeinsam eine Reise. Da Michael vieles "eins zu eins" umsetzen wollte, mussten wir zuerst seine viel zu hoch gesteckten Ziele herunterholen. Wir fanden gemeinsam kleinere. Vor allem versuchte ich, ihn für seinen Weg zum vorgestellten Ziel zu sensibilisieren. Denn sein über Jahre antrainiertes Essverhalten und seine Süchte stellten ein großes Problem dar.
Ich schlug ihm vor, parallel auch an den Hintergründen zu arbeiten. Wir redeten viel über seine Traume und Wünsche, die er irgendwann aus den Augen verloren hatte, weil andere Dinge immer wichtiger waren. Vor allem die Beziehung zu seiner Frau hatte sich in den Vordergrund gedrängt. Ich schlug ihm vor, mit Farben zu experimentieren. Michael hatte große Scheu vor Farben und ich bemühte mich, sehr niedrigschwellig zu arbeiten.
Ich ließ ihn zwei Farben aussuchen und bat ihn, zwei Blätter mit jeweils einer Farbe zu füllen. Er nahm Grün und Lila. Auf meine Frage, wie er sich fühle, antwortete er, dass er sich selber naher fühle. Ich machte eine Fantasiereise zu diesen Farben, um herauszufinden, welche Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen er damit verband.
Zu Lila nannte er: satt - im Sinne von "mit seinem Gefühlen angefüllt", berechtigt Sein, leicht und schwer zugleich, geistige Freiheit. Das ganz dunkle Grün verband er mit: leben, wachsen, Natur, Bodenständigkeit, Spontanität. Daraus entwickelten sich tiefe Gespräche.
Die nächsten Monate verlor Michael fünfzehn Kilo Gewicht. Er veränderte komplett sein Essverhalten - unter anderem mit Hilfe eines Essbuches, in dem er eine Spalte für Essen und jeweils eine Spalte mit "Was fühle ich?", "Was spüre ich?", "Was denke ich?" einteilte und ausfüllte. So lernte er den Zusammenhang zwischen seinem physischen und seinem emotionalen Hunger zu erkennen und konnte selbständiger handeln. Er fuhr wieder regelmäßig Kajak und ließ sich scheiden.
Der Weg war ihm in diesem Prozess wichtiger geworden als das Ziel. Wenn er nun Hunger hat, weiß er oft, wie er ihn zu stillen hat. Ob nun mit Vollkornnudeln, Pastellkreide, Yoga oder mit einem Gespräch.
In der letzten Stunde berichtete er, dass er im Kajakverein einen Gärtner kennen gelernt habe und dass er im kommenden Frühjahr endlich sein brachliegendes Grundstück hinter seinem Haus bepflanzen ließe. Ich solle raten, welche Farben wohl dominieren würden: grüne Büsche, Hecken und Baumchen und vor allem lila Flieder.
Susanne Usko, Flensburg, Examinierte Krankenschwester, Selbständige Firness- und Personaltrainerin, Ernährungsberaterin, Yogalehrerin, Gestaltungs-Soziotherapeutin.
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